Chancen und Risiken der Digitalisierung

Wir wollen uns den Fragen der Chancen und Risiken der Digitalisierung stellen und diskutieren, wie diese für Gesellschaft und Wirtschaft eingesetzt werden kann.
Ist es möglich durch die Digitalisierung Rohstoffe zu sparen oder besser zu nutzen – im Sinne der Nachhaltigkeit? Macht Digitalisierung die Arbeitswelt „nachhaltiger“? Kann durch Digitalisierung eine nachhaltige Wirtschaftsweise gefördert werden? Welche Art der Digitalisierung ist nicht nachhaltig? Und wie wollen wir mit Daten, den Rohstoffen der Zukunft (eigentlich doch schon der Gegenwart!), umgehen?
Diesen und anderer Fragen wollen wir hier in unserem Blog nachgehen.

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World-Cafés zu fünf Handlungsfeldern

In den World-Cafés auf der B.A.U.M.-Jahrestagung wurde unter dem Oberthema „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ zu Intelligent Cities, Mitarbeiter/Arbeitswelt, Energie, Ressourcen und Mobilität diskutiert. Alle Teilnehmenden gingen davon aus, dass sich in diesen Handlungsfeldern in den nächsten 5-10 Jahren zahlreiche digitale Neuerungen durchsetzen werden. Als Befürchtungen wurden vor allem Rebound-Effekte benannt, z.B. beim Materialeinsatz, beim Energieverbrauch oder bei der Emission von Treibhausgasen.

rka_9950Deutlich wurde das Dilemma am Beispiel Ressourcen: Digitale Mess- und Auswertungssysteme können die Transparenz erhöhen und Analysen über Ressourceneinkäufe und Entsorgung liefern. Gleichzeitig kann es – auch durch mehr Hardware – zu einer absoluten Steigerung der Ressourcenverbräuche kommen. Zu hoffen ist, dass die Digitalisierung zur Reduzierung der anfallenden Abfälle und zu bedarfsgerechter Rohstoffnutzung beiträgt. Das Ziel sind geschlossene Kreisläufe durch Recycling der Hardware (und dadurch z. B. geringere Carbon Footprints für bestimmte Produkte) sowie belastbare Lebenszyklusbilanzen, wodurch auch eine Einpreisung der Umweltauswirkungen möglich würde.

Kritisch betrachtet wurde im Zusammenhang mit der Digitalisierung auch das Thema Datenschutz. Besonders im Bereich Energieversorgung drohe eine vermehrte Einflussnahme durch Systeme bzw. eine weitere Konzentration von Macht bei IT-Konzernen sowie ein möglicher Missbrauch von Kundendaten.

Im sozialen Bereich wurde eine mögliche Spaltung der Gesellschaft in analog/digital (damit einhergehend auch in alt/jung oder urban/rural) diskutiert. Die Teilnehmenden sahen zudem viele Arbeitsplätze in Gefahr und befürchteten eine zunehmende Ungleichheit zwischen den Menschen, auf die mit einem Wertewandel reagiert werden müsste: Einzelne Berufe und Lebensstile sowie das Leistungsprinzip insgesamt müssten neu bewertet werden.

Die Diskussion in den World-Cafés zeigte, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Regulativ sein kann, um die Digitalisierung zu einer Chance für die Gesellschaft werden zu lassen. Die Teilnehmenden der B.A.U.M.-Jahrestagung artikulierten auch ihre Vorstellungen von der Rolle des Netzwerks angesichts des digitalen Wandels. Wichtig war ihnen eine weitere Verdeutlichung des Zusammenhangs von Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Zudem solle sich B.A.U.M. mit seiner großen Zahl von Mitgliedern und seinen Experten zur Bearbeitung des Themas Nachhaltigkeit in Gremien der Digitalisierung einbringen.

Herausforderungen der Digitalisierung

Prototyp aus dem Design-Thinking-Workshop: Ein mit Sensoren ausgestatteter Mülleimer verändert Form und Aussehen, wenn noch genießbare oder gerade erst abgelaufene Lebensmittel eingeworfen werden.
Prototyp aus dem Design-Thinking-Workshop: Ein mit Sensoren ausgestatteter Mülleimer verändert Form und Aussehen, wenn noch genießbare oder gerade erst abgelaufene Lebensmittel eingeworfen werden.

In den Design-Thinking-Workshops auf der B.A.U.M. Jahrestagung sollten sechs Aufgabenstellungen bearbeitet werden. Design Thinking ist eine nutzerzentrierte Innovationsmethode und geht davon aus, dass sinnvolle Innovation an der gemeinsamen Schnittfläche von menschlicher Erwünschtheit, technologischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Rentabilität entsteht. Die Agentur Protellus, die die Workshops für B.A.U.M. durchführte, vertritt jedoch die Ansicht, dass eine wirklich zukunftsfähige Innovation nicht ohne Einbeziehung der Umwelt gelingen kann, und erweitert daher den Ansatz des Design Thinking um die Dimension der Nachhaltigkeit.

Die Challenges im Einzelnen:

  1. Working Environment: Design a robot that reduces stress in everyday life in a digitized working environment.
  2. Mitarbeiter/Arbeitswelt: Entwickeln Sie eine Lösung, welche ein WIR-Gefühl innerhalb eines Unternehmens schafft, in dem es wenig reale Berührungspunkte abseits von digitalen Kommunikationsschnittstellen gibt.
  3. Intelligente Städte: Entwickeln Sie etwas Digitales, das bei der Bevölkerung einer mittelgroßen Stadt zu einem verbesserten Umweltverhalten führt.
  4. Energie: Entwickeln Sie für einen intelligenten Stromzähler (Smart-Meter) einen zusätzlichen Nutzen für das Alltagsleben, welcher insbesondere bei der Generation 55+ die Wahrnehmung eines nicht-monetären Mehrwertes erzeugt.
  5. Ressourcen: Entwickeln Sie eine digitale Lösung, welche die Lebensmittelverschwendung in Privathaushalten reduziert.
  6. Mobilität: Entwickeln Sie ein digitales Angebot, das Berufspendler im Speckgürtel einer Großstadt zur verstärkten Nutzung umweltfreundlicher Möglichkeiten zur Erreichung des Arbeitsplatzes anreizt.

Angeleitet vom Protellus-Team traten die Teilnehmenden in Teams von jeweils sechs Personen ihre Design-Thinking-Reise an. Die Ergebnisse wurden nach dem nur vierstündigen „Fast Forward“ dem Plenum der Jahrestagung präsentiert.

ausführlicher Bericht vom Design Thinking Fast Track

B.A.U.M.-Jahrestagung profitierte stark von renommierten Sprechern und interaktiven Methoden

Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jahrestagung 2016 kam viel Lob. Die Verbindung der Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit ergab einen interessanten Fokus. „Ich habe mein Wissen zum Thema ‚digitale Transformation‘ in etwa verhundertfachen können. Wenn nicht noch mehr!“, so ein Teilnehmerkommentar. Ein anderer Teilnehmer bezeichnete die Tagung als „Augenöffner, wie eng Nachhaltigkeitsthemen mit dem digitalen Wandel verknüpft sind“.

World-Cafés auf der B.A.U.M.-Jahrestagung 2016 bei der Deutschen Telekom AG in Bonn

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer profitierten auch sehr von den interaktiven Teilen der B.A.U.M.-Jahrestagung: „Der ‚Mitmach-Part‘ mit den Workshops war einfach Klasse und hat viele neue Anregungen und Denkanstöße gegeben.“ – „Insbesondere die renommierten Sprecher und die ausnehmend sehr hohe Qualität ihrer Beiträge haben mich fasziniert, wie auch die Möglichkeit, Themen im World-Café zu vertiefen.“

Zur Einführung in die World-Cafés und die Design-Thinking-Sessions gab es insgesamt fünf Impulsreferate.

So sprach Prof. Dr. Lutz Heuser, Geschäftsführer von the urban institute®, über „Intelligent Cities“. Für die Stadt der Zukunft ist u.a. Verkehrsverflüssigung ein wichtiges Thema, denn das bedeutet weniger Schadstoffe, weniger Energieverbrauch, kürzere Fahrzeiten und dadurch bessere Lebensqualität.

zur Präsentation von Prof. Dr. Lutz Heuser

In ein verwandtes Thema führte Ulrich König von der Konzernentwicklung der Deutschen Bahn AG ein. Er beschrieb, wie die Digitalisierung den Verkehrsmarkt in Bewegung bringt und wies darauf hin, dass besonders die Kollektivierung des Individualverkehrs durch die Digitalisierung beschleunigt wird Außerdem löse die Digitalisierung tendenziell Branchengrenzen zwischen Mobilitätsdientsleistern, Automobilherstellern und IT-Unternehmen auf, da Mobilität insgesamt als Service verstanden werde.

zur Präsentation von Ulrich König

Auch die übrigen Impulsreferate werden wir in diesem Blog dokumentieren.

„Wir brauchen einen Rechtsrahmen für die digitale Transformation“

Prof. Dieter Gorny ist Beauftragter für kreative und digitale Ökonomie des Bundesministers für Wirtschaft und Energie
Prof. Dieter Gorny ist Beauftragter für kreative und digitale Ökonomie des Bundesministers für Wirtschaft und Energie

Als weiterer Referent wies auf der B.A.U.M.-Jahrestagung zu „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ Prof. Dieter Gorny, Beauftragter für kreative und digitale Ökonomie des Bundesministers für Wirtschaft und Energie, auf die Verantwortung der Gesellschaft hin, Rahmenbedingungen für die digitale Transformation zu finden und eine gesellschaftliche Wertedebatte zu führen.

Prof. Gorny ordnete in seiner Rede  derzeitige Entwicklungen medienhistorisch ein und gab zu bedenken, dass der Status quo immer der Maßstab war und Neues oft skeptisch gesehen wurde. Er zog eine Parallele zu der Zeit, als die ersten Autos auf den Straßen fuhren. Zunächst war der Verkehr unreguliert, dann, als die Probleme begannen, folgten die Regeln. Daher laute die Frage, die wir uns heute angesichts der Digitalisierung stellen müssten: Welche Regeln soll es für die digitale Welt geben?

Die Währung, mit der wir bezahlen, sind, laut Gorny, unsere Daten. Er forderte daher, bessere Gesetze zum Datenschutz und einen Rechtsrahmen für die digitale Transformation zu schaffen. Auch sieht Prof. Gorny Arbeit, wie wir sie kennen, in Gefahr: Durch Anhebung der Lohnuntergrenzen seien Roboter wirtschaftlich geworden und viele Arbeitsplätze fielen langfristig weg. Die Frage laute daher: Wie sollen die Arbeitsplätze der Zukunft aussehen?

Prof. Gorny machte deutlich, dass diese Fragen nur durch eine gesellschaftliche Debatte und einen Wertediskurs innerhalb der Gesellschaft zu beantworten sind. Solch eine Debatte hat auf der B.A.U.M.-Jahrestagung ihren Anfang genommen und wird durch B.A.U.M. fortgesetzt werden.

Gesellschaftlicher Diskurs muss mit technologischem Fortschritt mithalten

Im Rahmen der B.A.U.M.-Jahrestagung zu „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ sprach Jens Mühlner, Vorstand von Charta digitale Vernetzung e.V., am 14. November über Unternehmensverantwortung in einer digitalen Welt. Für ihn ist Digitalisierung jenseits von Technologie auch eine Managementaufgabe. Unternehmen müssen laut Mühlner

  • die Chancen der Digitalisierung nutzen,
  • die Risiken der Digitalisierung im Griff behalten
  • das Vertrauen der Menschen achten und erhalten
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Jens Mühlner spricht auf der B.A.U.M.-Jahrestagung über  „Corporate Digital Responsibility“

Ohnehin bezeichnete Mühlner Vertrauen als das Kapital der digitalen Gesellschaft. Wichtig sei ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten. In dem Zusammenhang prägte er den Begriff „Corporate Digital Responsibility“ – dies sei das CR-Thema der dritten Generation.

zur Präsentation von Jens Mühlner

Ein Problem sieht Mühlner darin, dass derzeit der technologische Fortschritt wesentlich schneller ist als der gesellschaftliche Diskurs zur Digitalisierung. Umso wichtiger ist es daher, Plattformen wie die B.A.U.M.-Jahrestagung zu schaffen, um Diskussion und Austausch zu ermöglichen.

Jens Mühlner ist Vorstand des Vereins Charta digitale Vernetzung. Die Charta formuliert in ihren Grundsätzen zentrale Grundhaltungen zu wichtigen Aspekten der Digitalisierung: https://charta-digitale-vernetzung.de/die-charta-im-wortlaut/

Nachhaltig = wert- und zielorientiert

Für Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy ist die Digitalisierung „wahrscheinlich die größte Umwälzung, die wir auf technologischer Seite in diesem Jahrhundert erleben.“ Als „besonders faszinierend“ bezeichnete er „das Wechselspiel zwischen dieser Technologie, die in vielen Bereichen Möglichkeiten schafft, an die wir vor wenigen Jahrzehnten noch gar nicht zu denken wagten, und Veränderungen in allen Bereichen unseres Lebens – besonders in Wirtschaft und individueller Lebensführung, aber auch in Gesellschaft und Politik.“

Auf der B.A.U.M.-Jahrestagung sprach der Gründungspräsident und Geschäftsführer des Zentrums Digitalisierung.Bayern am 14. November über Herausforderungen und Chancen des digitalen Zeitalters.

zur Präsentation von Professor Broy

Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy auf der B.A.U.M.-Jahrestagung
Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy auf der B.A.U.M.-Jahrestagung

Das Internet bezeichnete Professor Broy als das zentrale Medium der Digitalisierung. Bedenklich ist, dass es in Deutschland, wie Broy darstellte, im Gegensatz zu anderen Ländern kein Institut zum Thema Internet gibt. Auch fehlt es uns nach Ansicht Broys an Risikobereitschaft, Neues auszuprobieren und ggf. zu scheitern.

Professor Broy sieht eine dramatische Bedrohung der EU und Deutschlands, da die im Bereich Internet führenden Unternehmen fast alle von außerhalb der EU kommen (vgl. Folie 12) – eine Situation, die sich in absehbarer Zeit wohl nicht ändern wird.

Die B.A.U.M.-Jahrestagung 2016 fand zum Thema „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ statt. Professor Broy beleuchtete in seinem Vortrag auch das Verhältnis dieser beiden Begriffe. Auf den ersten Blick biete sich ein Paradox: Digitalisierung stehe für – mitunter disruptive – Veränderung, Nachhaltigkeit aber für Beständigkeit und Zukunftsfähigkeit. Entscheidend ist für Broy dabei jedoch, dass Nachhaltigkeit Werte und den Erhalt von Werten adressiert. Sein Fazit: „Nur wenn wir die digitale Transformation wert- und zielorientiert gestalten, kann sie nachhaltig werden.“ Damit hat er das Anliegen von B.A.U.M. zu diesem Thema wunderbar auf den Punkt gebracht!